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Raubkopien - spanische Statussymbole

Geschrieben von Heiko am Dienstag, 24. April 2007

Spanien ist westeuropäischer Produktpiraterie-Marktführer
Die Spanier entdecken einen eigentlich deutschen Volkssport – auf breiter Front mutiert der Konsument zum Schnäppchenjäger. Ob CDs, DVDs oder Modeaccessoires und Markenartikel, alles günstig – nicht in den Geschäften, sondern als Raubkopien beim Straßenhändler.
Top Manta - Deckenhitparade – heisst im Volksmund das Geschäft mit  raubkopierter Musik: rund ein Viertel aller in Spanien verkaufter Platten gehen nicht über den Ladentisch, sondern werden illegal von einer auf der Straße ausgebreiteten Decke aus verkauft. Sie stammen aus den Kopierwerken meist asiatischer Mafiosi in irgendeiner Altbauwohnung. Für einen Euro pro Stück gehen die CDs meist an Immigranten, Schwarzafrikaner oder Asiaten. Diese verkaufen sie dann für 1,50 bis 2 Euro weiter, ständig auf der Hut vor der Polizei, nicht nur wegen den CDs. Meist haben die Straßenhändler auch keine amtlichen Papiere. Das Geschäft läuft, der Markt ist überschwemmt von Raubkopien. Schätzungsweise 40 Prozent aller verkauften CDs in Madrid kommen von den Raubbrennern, in Granada gar 50 Prozent. Die Piraten kassieren pro Jahr gut 600 Millionen Euro.

Ähnlich läuft es bei den DVDs. Keine Kneipe, keine Fußgängerzone, in der man sicher wäre vor den Verkäufern raubkopierter Kinohits. Anders als ihre Kollegen aus der Musikbranche sprechen sie ihre Kunden meist direkt an, viele Händlern machen sich untereinander Konkurrenz. So kann man an einem Abend in einer Bar mitunter aus fünf verschiedenen Sortimenten wählen. Für 2,50 Euro gibt es selbst allerneueste Filme. Nicht gerade in bester Qualität, da in der Regel im Kino von der Leinwand abgefilmt.

Geistiges Eigentum? Das interessiert die Käufer nicht. "Top Manta ist billig - legal kaufen teuer", wird demjenigen entgegnet, der versucht die Rechte der Künstler zu verteidigen. Mit der illegalen CD oder DVD in der Tasche wird dann der nächste Longdrink geordert. Sechs Euro, acht Euro - da wird nicht auf den Euro geschaut.

Dabei fühlt sich so mancher Konsument von Raubkopien gar als Wohltäter. "Die armen Immigranten sollen ja auch von was leben", lautet das Argument. Dass im ganzen Land immer mehr Plattengeschäfte schliessen, große Plattenfirmen die Belegschaft reduzieren und so manche Band ganz aufgehört hat, Platten einzuspielen, interessiert niemanden.
Doch Spanier kaufen nicht nur bei der Unterhaltung gerne billige Kopien. Auch Parfums und Modeaccessoires werden auf vielbesuchten Plätzen und Straßen feilgeboten. Für zehn Euro pro Flasche gibt es Duftwässerchen in täuschend echt scheinender Markenverpackung. Passend zum falschen Duft findet sich ein para Meter weiter der falsche Kaschmirschal einer bekannten Nobelmarke. Auch täuschend echt, solange er keine Anfassprobe bestehen muss. Das Gleiche gilt für Handtaschen, Uhren und sonstige Statussymbole.

Und nicht nur Otto-Normalverbraucher kauft Kopiertes. In den noblen Villen der Vororte Madrids werden ähnlich wie bei Tupperpartys Kopien von Markenartikeln angeboten. Fälschungen gehobener Qualität, etwas teurer aber natürlich besser als in der City. Sozialer Status verpflichtet selbst bei Piraterie. Aber die Ware ist immer noch ein Schnäppchen, verglichen mit dem Original.

Auch manche Ladenbesitzer können der Versuchung der Raubkopien nicht widerstehen. So kommt die Levis vielleicht aus Kopierwerkstätten in Fernost und liegt zum Originalpreis im Regal. Ein super Geschäft. Der betrogene Kunde staunt später nicht schlecht, wenn er seine Levis eine Nummer kleiner aus der Waschmaschine holt.

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