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Der Autor

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Heiko Kendziorra wurde 1961 im Zeichen des Steinbock in Bochum geboren, wuchs im malerischen Städtchen Hattingen auf. Nach einer Ausbildung zum Elektroniker bei Krupp wurde das Abitur auf dem Ruhrkolleg nachgeholt. Der Versuch Physik und Philosophie zu studieren und gleichzeitig ein Bistro Kaffee zu betreiben, um das Studium zu finanzieren, war nicht von Erfolg gekrönt. Das Studium abgebrochen, der 3-jährige Pachtvertrag erfüllt, musste danach erst einmal Geld verdient werden. In der Zeit als Beleuchtungstechniker an einem Musical Theater in Bochum reifte der Entschluss nach Spanien auswandern.

Das Foto zeigt mich, Heiko mit meiner langjährigen Freundin Hamida. Sie ist marrokkanischer Abstammung, lebt seit 20 Jahren an der Costa Del Sol. Für eine nicht staatliche Organisation berät sie im Rathaus von Torrox Ausländer aus nicht EU-Ländern und gibt mir manchen Tip. 

Ich lebe mittlerweile seit 10 Jahren fest  in Spanien. Ob ich diesen Schritt jemals bereut habe? Ganz im Gegenteil! Ich bin wirklich sehr froh, aus der deutschen Tretmühle ausgestiegen zu sein. In Deutschland muss man, um zufrieden leben zu können, ausreichend Geld verdienen. Ich kann hier in Spanien mit wenig Geld eine hohe Lebensqualität erreichen. Die Lebenshaltungskosten sind eindeutig niedriger und vor alleme eine befriedigende Freizeitgestaltung kostet in Deutschland reichlich Geld. Davon abgesehen, dass Kino, Konzerte etc. in Spanien deutlich billiger sind, zählt für mich gerade der Sport zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. In Deutschland muss ich gutes Geld für wetterfeste Kleidung ausgeben, oder meinen Sport in irgendwelchen Hallen betreiben; sei es Bodybuilding, Tennis oder Kletterhalle: Jedes Mal kostet es Geld. Zudem kostet es auch Überwindung und Nerven bei schlechtem Wetter vor die Tür zu gehen, selbst wenn es für den Lieblingssport ist. Hier im Süden Spaniens ist das so nicht der Fall. Für das schöne Wetter, bei dem ich joggen, Fahrradfahren, oder im Meer oder im Stausee schwimmen kann, zahle ich nichts.

Schon Anfang der achtziger Jahre hatte ich mit einem Freund zuerst mit dem Pkw, danach mit dem Wohnmobil meine ersten Entdeckungsreisen nach Spanien und später auch nach Marokko unternommen. Damals entstand auch der Wunsch, eines Tages für immer im sonnigen Süden zu bleiben: Die Offenheit der Menschen, die Weite des Landes und vor allem die Wintertage, die einem Deutschen oft genug wie herrliche Frühlingstage vorkommen, hatten mich schon damals fasziniert. Zudem war schwimmen schon immer eine meiner großen Leidenschaften. Ich meine aber nicht das Umherplanschen in einem überfüllten Freibad! Ich schwimme gerne in einem See oder einem ruhigen Meer, wo ich einfach Platz habe, wo ich ohne an irgendeine Begrenzung zu stoßen, mal ein paar Hundert Meter kraulen kann. Konkreter wurden die Gedanken nach Spanien zu gehen in den neunziger Jahren. Einen entscheidenden Anstoß erhielten diese vorerst noch vagen Pläne durch meine spätere Ehefrau, die an Diabetes leidet. Während verschiedener gemeinsamer Spanienurlaube war es immer wieder erstaunlich zu beobachten, wie sie die Abhängigkeit von den Insulinspritzen und anderen Medikamenten signifikant senken konnte: Das spanische Klima wirkte Wunder. Eigentlich gefiel mir meine Arbeit, ja mein ganzes Leben ganz gut. Ich arbeitete meist abends, hatte tagsüber viel Freizeit als Beleuchter bei einem Musical in Bochum. Doch nach drei Jahren in diesem Beruf stand mir die Möglichkeit offen, mich zur Prüfung zum Beleuchtungsmeister anzumelden. Ich meldete mich mehr aus Ehrgeiz, denn aus dem Wunsch heraus, als Beleuchtungsmeister zu arbeiten, an. Ich begann darüber nachzudenken, wie es denn nach der Prüfung weiter gehen sollte. Als Beleuchtungsmeister würde ich wesentlich mehr Stress am Arbeitsplatz haben, das lockere Leben ohne viel Verantwortung bei der Arbeit wäre dann vorbei. Außerdem würde man mir die Überstunden ausbezahlen, anstatt mir wie bisher die Möglichkeit zu geben, die Stunden anzusparen und abzufeiern - so hatte sich immer viel Zusatzurlaub ergeben. Ich begann darüber nachzudenken, ob die vage Idee vom Auswandern nach Spanien tatsächlich umsetzbar wäre.

Die Frage war natürlich, wovon ich in Spanien meinen Lebensunterhalt bestreiten würde. Ich hatte eine Ausbildung als Energieanlagenelektroniker und der Bereich Solarenergie interessierte mich sehr. Sonne gibt es in Spanien reichlich, also lag die Idee nah, sich im Bereich Solarenergie in Spanien selbstständig zu machen.
Ein alter Ford Transit wurde zum Wohnmobil umgebaut, und der folgende Urlaub zur Analyse von möglichen Standorten im Süden Spaniens genutzt. Zufällig fiel mir an der Costa Del Sol in Nerja ein kleiner Werkzeugladen auf, der sich bei näherem Hinsehen als Verleih von Maschinen und Werkzeugen herausstellte. Das hätte glatt meine Idee sein können! In einem Gespräch mit dem englischen Besitzer des Geschäfts stellte sich heraus, dass das A und O dieses Geschäfts die Wartung und Reparatur verschiedenster Maschinen ist. Für mich, der außer Ahnung von Elektrotechnik auch durch Reparaturen an Auto und Motorrad Erfahrung mit Motoren und Maschinen gesammelt hatte, sollte das kein Problem sein. Nach eingehender Suche nach weiteren Geschäften dieses Typs stand schnell fest, dass in einer Stadt wie Torre Del Mar, die ein großes Einzugsgebiet aufwies, so ein Geschäft fehlte.

Zurück in Deutschland kaufte ich mir erst einmal einen Spanischkurs mit Kassetten und Begleitbuch. Dann wurden Kleinanzeigen studiert und das gesamte Ruhrgebiet nach günstigen gebrauchten Werkzeugen und Maschinen durchforstet. Eine eigens zu diesem Zweck angemietete Garage diente als Zwischenlager. Außer Maschinen kaufte ich auch Artikel für Touristen: Rollstühle, Autokindersitze und Gästebetten könnten ebenfalls gefragt sein.

Dem Wohnmobil wurden Anhänger und Dachgepäckträger verpasst. Meine Freundin und ich reisten mehrmals mit dem voll beladenen Caravan zur Garage eines Freundes an der Costa Del Sol, wo ich meine Sachen wiederum zwischenlagern konnte.
Es gelang uns, mit unseren immer noch geringen Spanischkenntnissen, ein günstiges Ladenlokal im Zentrum der Stadt zu finden. Von der ersten Idee bis zur Anmietung des Ladenlokals waren fast zwei Jahre vergangenen, 1996 war es endlich soweit.

Ich schaffte es, dass mich mein Arbeitgeber entließ und gab dann beim Arbeitsamt an, in Spanien Arbeit suchen zu wollen. So konnte ich für drei Monate in Spanien Arbeitslosengeld beziehen. Eine Möglichkeit, die theoretisch zwar existierte, in Spanien aber kaum einem Sachbearbeiter bekannt war.
Ich wurde von einem Büro zum nächsten geschickt, bis ich schließlich mit dem Bescheid abgespiesen wurde, in Spanien könne man unmöglich deutsches Arbeitslosengeld beziehen.
Zum Glück hatte ich ein Schreiben vom deutschen Arbeitsamt dabei, auf dem auch auf Spanisch erklärt wurde, dass ich im Recht war. Also schickte man mich zum übergeordneten spanischen Arbeitsamt nach Málaga. Dort kannte man zwar die Vorgehensweise in einem solchen Fall, war aber für mich nicht zuständig. Immerhin rief der Sachbearbeiter bei meinem zuständigen Amt an und erklärte den administrativen Ablauf genau. Es war wirklich eine Pionierleistung, mein Geld zu bekommen. Ich erhielt es erst nach Ablauf der drei Monate, aber mit solchen Problemen hatte ich gerechnet und genug Geld mitgenommen.
In den drei Monaten schaffte ich die Artikel, welche ich verleihen wollte, aus dem Zwischenlager ins Geschäftslokal und richtete dieses mit vielen Regalen und einer Ladentheke ein. Dann ging ich zurück nach Deutschland, um mich beim Arbeitsamt zurückzumelden. Wenige Tage später war ich bereits wieder in Spanien. Jetzt eröffnete ich das Geschäft, während meine Frau in Deutschland weiter ihren Job ausübte. Schließlich war es ja nicht absehbar, ob unsere Geschäftsbemühungen in Spanien von Erfolg gekrönt sein würden. Zwar hatte ich in Spanien meine Gewerbeanmeldung erledigt und alle Papiere waren in Ordnung; beim Finanzamt aber gab ich als voraussichtlichen Eröffnungstermin einen Zeitpunkt an, der drei Monate hinter der tatsächlichen Eröffnung lag. So konnte ich mir die Ausgaben für den Steuerberater und die Sozialversicherung drei Monate lang sparen. Krankenversichert war ich ja ohnehin in Deutschland. Sollte eine Kontrolle in Spanien kommen, womit ich nicht rechnete und was auch nicht geschah, hätte ich erklärt, dass die Eröffnung sich etwas vorgezogen habe und ich so gut wie auf dem Weg zum Finanzamt sei, um dies zu anzumelden.
Während dieser Monate bezog ich nach wie vor mein Arbeitslosengeld aus Deutschland. Ich war sogar dazu bereit, schnell einen Flug zu buchen, falls mich das Arbeitsamt zu einem Vorstellungstermin schicken sollte. Aber auch dieses Problem stellte sich nicht. Wer weiß, wie lange ich noch Geld bezogen hätte, wäre nicht der Freund in Deutschland, der sich um meine Post kümmerte, selber für sechs Wochen verschwunden. Dadurch beantworte ich zwei Briefe nicht, worauf die Zahlungen eingestellt wurden. Ein schlechtes Gewissen, den deutschen Staat betrogen zu haben, hatte ich nicht. Schließlich hatte ich die Beiträge ja jahrelang einbezahlt. Da mit dem Auswandern ohnehin alle meine Ansprüche bezüglich Arbeitslosengeld und –hilfe verfallen würden, bekam ich so wenigstens ein bisschen von meinem Geld zurück.
Ein Deutscher der damals schon mehr als 10 Jahren an der Küste als Versicherungsmakler und gestor arbeitete, erklärte mir sämtliche Tricks und Kniffe im Umgang mit den spanischen Behörden und erledigt bis heute die Buchführung.

Das Geschäft lief zunächst nur sehr schleppend an. Lediglich einige wenige Ausländer liehen sich hin und wieder etwas aus. Das ging so lange weiter, bis eines Tages ein junger Spanier in meinem Geschäft erschien, der mir erzählte, er würde ebenfalls Maschinen verleihen. Dies ohne ein Ladenlokal zu besitzen, die Leute riefen einfach sein Handy an. Allerdings war er wohl mit seinem Geschäft nicht sehr zufrieden, wohl deshalb bot er an, mich mit 50 Prozent am Verleihpreis zu beteiligen, wenn ich seine Maschinen mit in mein Programm aufnähme. Er überließ mir kurzerhand eine Liste seiner Maschinen mit seinen Preisen und beschied mir, ich bräuchte ihn nur anzurufen, sollte ich etwas aus seiner Liste vermieten wollen. Tatsächlich hatte er einige schwere Maschinen im Programm, die ich bisher nicht angeschafft hatte. Das eine oder andere Mal kamen wir in den folgenden Wochen ins Geschäft. Es war aber immer wieder ein Problem, dass die Kunden die Maschine sehen wollten, bevor sie sich entschieden. Diese standen aber leider nicht im Geschäft, daher kamen wir bald überein, einige seiner Maschinen bei mir unterzubringen. Mit der Zeit lernten wir uns näher kennen, seine Maschinen wurden komplett in mein Geschäft übergeführt. Ebenso teilten wir Arbeitszeiten, Kosten und Gewinn brüderlich zu je 50 Prozent.
Das war der Durchbruch für das Geschäft: Einen Spanier mit dabei zu haben, lockte auch spanische Kundschaft an. Das Ganze funktionierte zwei Jahre lang recht gut, dann erschien dem jungen Spanier sein Einkommen als zu gering. Er eröffnete im Nachbarort sein eigenes Verleihgeschäft, was nur wenige Jahre gut ging: Die Reparatur defekter Abbruchhämmer und Stromgeneratoren war nicht seine Sache.
Mein Geschäft ernährt mich auch heute noch, allerdings weniger gut als in den Anfangsjahren. Damals fehlte vielen kleinen Firmen ständig die eine oder andere Maschine, mittlerweile haben sich diese etabliert und vieles selber angeschafft.

Die siesta ist für mich ein Segen. Ich habe in Deutschland die Winter gehasst, die Tage an denen man morgens im Dunkeln zur Arbeit geht und abends wieder im Dunkeln nach Hause kommt. Man sieht einfach kein Tageslicht. Hier im Süden sind die Tage im Winter länger, zudem gibt einem die siesta die Gelegenheit, die für mich beste Zeit des Tages zur freien Verfügung zu haben: Schließe ich mittags um 13:30 Uhr mein Geschäft, ist selbst im Winter normalerweise das Wetter gut genug, um mit dem Fahrrad nach Hause in die Pause zu fahren. Im Sommer, das heißt fast sechs Monate im Jahr, kann ich unterwegs knapp zwei Stündchen am Strand Halt machen und mich im Meer austoben.
Ich habe eine, auch für spanische Verhältnisse, ungewöhnlich lange siesta-Pause. Im Winter um 17:00 Uhr, im Sommer um 18:00 Uhr öffne ich abends mein Geschäft für 3 Stunden bis 20:00 beziehungsweise 21:00 Uhr. Ich öffne spät am Nachmittag, doch die Erfahrung vergangener Jahre, in denen ich am Abend bereits eine Stunde früher geöffnet hatte, zeigt, dass ich in dieser Zeit nicht viel Umsatz verpasse.
In der langen Mittagspause kann ich stressfrei mit dem Fahrrad nach Hause kommen, in Ruhe zu Mittag essen und es bleibt sogar noch eine halbe bis eine Stunde Zeit um ein kleines Nickerchen zu machen. So angenehm läuft es nicht jeden Tag, hin und wieder nutzt man die Mittagspause auch, um Dinge zu erledigen, einzukaufen oder einen Nebenjob auszuführen. Eine so lange Mittagspause kann man sich auch nur einrichten, wenn man selbstständig ist. Der Haken an der Selbstständigkeit ist natürlich, dass Urlaub machen Verdienstausfall bedeutet. Dementsprechend gut sollte das Geschäft also schon laufen. Aber andererseits, wenn man sich das Arbeitsleben gut eingerichtet hat, dort wo andere hinfahren um Urlaub zu machen, was braucht man da noch viel Urlaub?
Manch einem mag der Arbeitsschluss um 20:00 Uhr oder 21:00 Uhr spät vorkommen. Aber wenn man bedenkt, dass kaum ein Geschäft vor 10:00 Uhr eröffnet und nur die Bauarbeiter schon um 8:00 Uhr oder früher anfangen, ist es nachvollziehbar, dass auch das Leben nach Feierabend später beginnt. Ein weiterer angenehmer Unterschied zu Deutschland: In manchen kleinen Orten bekommt man noch heute ein Bier und eine tapa für 1,20 €, oft genug muss man auch schon für die tapa extra bezahlen, aber selten mehr als einen Euro, auch das Bier oder der Wein kostet dann nur einen Euro. So kann man es sich hier schon viel eher leisten, eine Kleinigkeit zu essen und etwas dazu zu trinken, oder abends in geselliger Runde einen arbeitsreichen Tag stimmungsvoll ausklingen zu lassen.



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